• Artificial Intelligence

Home, Sweet, Smart Home

Die Vision vom Smart Home ist in greifbarer Nähe. Ist der Treiber für das enorme Potenzial tatsächlich nur Komfort? Auf unser soziokulturelles Umfeld werden Smart Homes jedenfalls nachhaltige Auswirkungen haben.

Tony Stark, seines Zeichens auch als Comic-Superheld Iron Man bekannt, kommt nach Hause. Er lebt alleine und dennoch ist alles so vorbereitet, wie er es gerne hat – denn JARVIS hat alles vorbereitet. JARVIS ist das, was wir uns unter einer künstlichen Intelligenz in den eigenen vier Wänden (Home AI) vorstellen – das Internet of Things (IoT) auf seinem Maximum sozusagen. Als guter Assistent, Gehilfe und Butler liest er Tony nicht nur jeden Wunsch von den Lippen ab, sondern weiß auch, wann dieser gar keinen hat. Tony spricht mit Jarvis und kommuniziert selbst von unterwegs, was er benötigt. JARVIS bereitet nicht nur das Zuhause auf ihn vor, er hilft beim Arbeiten, er weckt Tony auf und ist nur ein Stück von einer tatsächlichen AI entfernt.

Das ist noch eine Utopie – aber auch der Weg dorthin sieht vielversprechend aus: Wir schreiben das Jahr 2017 und der Bereich Smart Home wächst global gesehen rasant. Die Institute Transparency Market Research und Deloitte UK gehen davon aus, dass der Markt im Jahr 2020 21 bis 58 Milliarden US-$ ausmachen wird. 2013 waren es noch fünf Milliarden US-$. Gerade im Bereich Smart Home erwarten Experten die höchste Innovationsdynamik im IoT-Bereich. Doch wie kann man sich diesen exponentiellen Anstieg erklären? Welchen Mehrwert schaffen derartige Anwendungen?

Menschliche Schnittstellen

Das IoT beschreibt die Kommunikation von Maschine zu Maschine ohne menschliche Interaktion. Vereinfacht gesagt: Der Kühlschrank setzt die fehlende Milch selbst auf die elektronische Einkaufsliste und sie wird abends automatisch geliefert. Das IoT lebt von den Schnittstellen, die die einzelnen Geräte haben, um eben miteinander kommunizieren zu können. Und genau hierin liegt aktuell die Schwierigkeit: Die Heimgeräte besitzen noch keine Schnittstellen, um sich zu verständigen: Sie können – frei nach dem Kommunikationswissenschafter Paul Watzlawick – „nicht kommunizieren“. Das sieht auch Dieter von Arx von der Hochschule Luzern und Leiter des iHomeLabs -  beide beschäftigen sich mit dem Smart Home - als Herausforderung: „Es fehlen zurzeit noch Standardisierungen und Vorgaben, um AIs auf dem Massenmarkt auszurollen, weil die Gesetzgeber nicht mit den Entwicklungen Schritt halten können.“ Andenkbar ist aber viel: Im Visitor Center des iHomeLabs könnte in Zukunft so mit dem Smart-Home-Butler „James“ kommuniziert werden: „Wenn mehrere Personen im Raum sind und jemand sagt, dass es kühl im Haus ist, hört James dies und fragt: ‚Soll ich die Heizung höher stellen?‘. Er zeigt also menschliches Verhalten.“ Also genau das, was die derzeitigen Anbieter Apple, Amazon und Google forcieren.

Das die AI als Person wahrgenommen werden kann, hängt von einem zentralen Aspekt ab: Die künstlichen Assistenten setzen stark auf Sprachkommunikation. Schon jetzt nutzen knappe 20 Prozent aller Smartphonebesitzer laufend den iPhone-Assistenten Siri. Dieser Anteil wächst, gerade auch, weil Spracherkennungs-Software immer treffsicherer wird. Microsoft hatte 2016 bei seiner Assistentin „Cortana“ eine Fehlerquote (nicht erkannter Wörter) von nur 6,4 Prozent und Google in diesem Jahr nur 4,9 Prozent. Wenn Menschen mit einem System sprechen, bauen sie eine Beziehung auf. Im Vergleich zur Textkommunikation schreiben wir der Maschine mehr emotionale Tiefe zu. Dazu zählt auch die Namensgebung: „Jarvis und Alexa sind Namen, die ich mit Wohlwollen aufnehme. Je nachdem, wie eine Person mit mir spricht, beurteile ich diese Person. Und je nachdem, wie sich ein Gebäude (mit diesem Wort fasst von Arx die Smart-Home-Tools zusammen, Anm.) mir gegenüber verhält, akzeptiere ich Inputs und Hilfestellungen vom Gebäude oder nicht“, sagt auch von Arx.

Die üblichen Verdächtigen

Auch Mark Zuckerberg hat sich mit dem Smart Home beschäftigt und einen Bot für sein Zuhause in Palo Alto, Kalifornien, entwickelt. Treffenderweise nannte er diesen Bot ebenfalls „Jarvis“. Zuckerbergs Jarvis kontrolliert die Musik, das Licht, unterhält seine Kinder mit Geschichten, hat Zugriff auf den Kalender und das Web, Zugriff auf Überwachungskameras, die Temperatur, die Belüftung, Zuckerbergs Reminder und bereitet ihm etwa auch kleine Speisen zu. Jarvis ist allerdings eigens für Zuckerbergs Zuhause geschrieben und daher (noch) nicht übertragbar – weil die Schnittstellen handgefertigt sind.

Wie bei vielen Zukunftsthemen treffen wir auch im Smart-Home-Bereich auf die üblichen Verdächtigen: Neben Facebook versuchen auch Amazon, Google und Apple das Rennen um die beste Technologie für sich zu gewinnen. Doch warum ist dieses Marktumfeld so interessant für diese Konzerne? Welcher Profit lässt sich daraus lukrieren? Es geht im Wesentlichen nur um eines: Daten. Über Kunden, ihr Zuhause, ihr Kaufverhalten, ihre Zahlungskraft und Wünsche. Fraglich bleibt jedoch, wie all diese Daten geteilt oder auch anonymisiert werden können. Dennoch vertrauen wir den Anbietern, denn „Konsumenten und Konsumentinnen haben naturgemäß mehr Vertrauen in große Unternehmen, da sie bei einer Anschaffung von Smart-Home-Artikeln die Sicherheit haben möchten, dass das Produkt auch zu einem späteren Zeitpunkt noch funktioniert und erhältlich ist. Gleichzeitig ist es natürlich bedenklich, welche Marktbeherrschung Amazon oder Google durch meine Daten erhalten“, so von Arx. Die Standardeinstellung von Amazons Alexa ist „always listening“. Dadurch wird ständig zugehört, nicht nur, wenn der User es durch Ansprache des Geräts beabsichtigt. Amazon behauptet, Informationen nicht mit Dritten zu teilen. Die Frage ist: Noch nicht? Hier tut sich ein riesiges (Überwachungs-)Feld an Daten auf und vieles ist noch unklar – etwa die Frage, was bei oder nach einem Hackerangriff passiert.

So sagt auch von Arx: „Wir werden auch in unserem Visitor Center immer wieder mit der Frage bezüglich Datenschutz konfrontiert und das darf man nicht unter den Teppich wischen. Wenn man enorm auf Sicherheit bedacht ist, dann darf ein smartes Gebäude nie von außen mit dem Internet verbunden sein. Für mich geht es aber jetzt in erster Linie darum, dass sich die Industrie dieses Themas stärker annimmt. Es braucht hier beispielsweise Firewalls und weitere Schutzmaßnahmen, um die Schwelle für einen Angriff möglichst hoch zu halten.“

Komfort im Alter

Am weitesten entwickelt ist das Smart Home bereits im Wohnzimmer, denn zentraler Antrieb hinter allen Anschaffungen ist der Wunsch nach mehr Komfort. Neben SmartTV und Musikverwaltung spielen auch Home-Monitoring-Systeme eine immer größere Rolle. Lichtkonzepte, smarte Thermostate, Jalousien, Überwachungskameras oder Türschlösser drängen auf den Markt. Derzeit noch relativ unangetastet sind die Bereiche Küche (der Moley-Küchenroboter startet erst 2018 und kostet 75.000 US-$) und Badezimmer (Google hat Patente angemeldet, um Sensoren in der Badematte, im Spiegel oder etwa in der Badewanne anzubringen und Gesundheitsdaten zu erfassen). Gerade Letztere bergen auch wiederum große Schwierigkeiten in puncto Datensicherheit.

Neben dem Komfort-Aspekt tragen auch der Wunsch nach höherer Energieeffizienz, ein steigendes Umweltbewusstsein sowie die Alterung der Gesellschaft zum Wachstum im Bereich Smart Homes bei. Interessanterweise ist es so, dass der Smart-Home-Markt besonders für ältere Menschen wichtig wird. Nach einer Studie von Deloitte und der Technischen Universität München gibt es eine kaufkräftige ältere Generation (65+), von der bereits 37 Prozent der ihr Zugehörigen glauben, dass das IoT ihren Alltag vereinfachen wird.

Ältere Personen sind immer mehr bereit, für assistive Notrufsysteme und tägliche Hilfen Geld auszugeben.

(Dieter von Arx)

„Der Markt und die Industrie werden sich über das Marktpotenzial bewusster und ältere Personen sind immer mehr bereit, für assistive Notrufsysteme und tägliche Hilfen Geld auszugeben.“ Dies nennt sich laut Dieter von Arx „Ambient Assisted Living“ und beschäftigt sich mit der Frage, wie Gebäudeintelligenz genutzt werden kann, um älteren Menschen zu helfen. Womit wir wieder beim zentralen Treiber Komfort wären. Neben dem Bequemlichkeits-Faktor würden Menschen sich auch weniger einsam fühlen, wenn ihnen jederzeit Antworten gegeben werden und eine Unterhaltung nur eine Frage entfernt ist. Abhängig davon, wie die kommunikativen Fähigkeiten der AI ausgestaltet sind, kann auch das in Zukunft eine größere Rolle spielen. Und vielleicht können Roboter mit den entsprechenden Regeln auch schon bald Menschen der älteren Generationen pflegen.

The Early Birds

Insgesamt kommt also ein großer Markt langsam in Bewegung, denn Systeme wie JARVIS rücken immer näher. Das zeigt auch der Einstieg der Technologieriesen. Wer erfinderisch ist und genug zeitlichen und finanziellen Spielraum hat, kann sich wie Mark Zuckerberg bereits für das eigene Zuhause einen digitalen Butler zulegen. Allerdings steckt das Smart Home noch in den Kinderschuhen und der Weg scheint beschwerlich, unübersichtlich und mit Dutzenden Schnittstellen versehen; von Fragen nach Datensicherheit und den geringen Erfahrungswerten gar nicht zu sprechen. Wir befinden uns also noch in der Phase der Early Adopter.

Dieter von Arx dazu: „Ich gehe davon aus, dass wir bald einen Kippeffekt erleben und massentaugliche Produkte auf den Markt kommen werden. Das kann stattfinden wie damals, als Microsoft Windows auf den Markt brachte und der PC massentauglich bedienbar wurde. Es wird spannend sein, zu beobachten, wie die größeren Firmen wie Apple, Google oder Amazon, welche bereits in das Smart-Home-Business eingestiegen sind, den Markt weiter bearbeiten werden. Sie haben die Fähigkeit, einen Massenmarkt aufzubauen. Wir sehen ein enormes Potenzial und blicken den aktuellen Entwicklungen sehr positiv entgegen.“

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