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Der „Open Air Computer“

Noch ist vieles ungeklärt, was die Funktionsweise der Smart Cities betrifft. Eines scheint hingegen sicher: das Auto wird hierbei keine große Rolle mehr spielen.  

Sie sind gewissermaßen Berufskollegen. Der Schweizer Charles-Édouard Jeanneret, besser bekannt als Le Corbusier, war Architekt und Stadtplaner (1887 – 1965). Er gilt bis heute als einer der einflussreichsten Architekten des 21. Jahrhunderts, 17 seiner Bauten gehören zum UNESCO-Welterbe. Darunter das Regierungsgebäude von Chandigarh (Indien) und das Nationalmuseum für westliche Kunst in Tokio. Dabei zählt dies nicht zu seiner Grundausbildung. Le Corbusier absolvierte ursprünglich eine Lehre zum Gravierer und Ziseleur (eine Form der Metallverarbeitung, Anm.) in der Kunstgewerbeschule École d’Art in La Chaux-de-Fonds.

Neben diesen Bauten war Le Corbusier auch für seine vielerlei utopischen Stadtmodelle bekannt, die niemals realisiert wurden. So stellten wir bei Forbes Utopia seinen „Plan Voisin“ (1925) für die gesamte Pariser Innenstadt vor. Drei Jahre zuvor, 1922, entwarf Le Corbusier hingegen bereits seine allererste visionäre Stadtidee – „Ville Contempoirane“. Die katastrophale Situation der Städte zu Beginn des 21. Jahrhunderts hatten ihn zu diesem Werk inspiriert. Immer mehr Menschen vom Land drängten in die Städte, diese platzten aus allen Nähten, die Hygiene und Versorgung litt dementsprechend. Maximal drei Millionen Einwohner sollte die moderne „Ville Contempoirane“ (im Deutschen: „zeitgenössische Stadt“) daher fassen. Unzählige sechzig stöckige Wolkenkratzer mitsamt Büros und Wohnungen, aus Stahlrahmen und von Glasfassaden umgeben, waren die vermeintliche Antwort auf die Probleme. Herzstück des Transports waren Autos, diese wurden strikt – und für damalige Zeiten ungewöhnlich – von den Fußgängerwegen getrennt. Dazu gab es im Zentrum einen Bahnhof für Bahn und Bus. Verwirklicht wurde die Vision in dieser Form wie bereits erwähnt jedoch nie.

Der Italiener Carlo Ratti (46) ist ebenfalls Architekt sowie Ingenieur. Ebenso wie Le Corbusier verfolgt er bei seinen Arbeiten einen künstlerischen Ansatz. Im Gegensatz zu ihm entwirft Ratti aber keine ganzen Städte bzw. Teile davon. Vielmehr sind es Interventionen im urbanen Raum, die mittels modernster Technologie ausgestattet sind, die ihn interessieren – und zu viel beachteter Bekanntheit führen. Sein digitaler Wasserpavillon wurde etwa zu einer der besten Erfindungen des Jahres 2008 gekürt (im Rahmen der Expo in Saragossa, Anm). Die Pavillonwände bestanden aus einem umlaufenden Wasserfall, mittels Sensoren wurde der Wasserfluss derart gesteuert, dass Begriffe und Muster dargestellt werden konnten. Ratti ist Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT), dort leitet er das Senseable City Lab, eine universitäre Forschungsinitiative. Beschrieben wird die Arbeitsweise als „Urban Imagination und soziale Innovation durch Design & Wissenschaft“. Zudem ist er Gründungspartner der Design-Praxis Carlo Ratti Associati.

Der gebürtige Turiner sieht modernste Technologien als Chance für die Stadtentwicklung und Architektur. Damit trifft er genau den Zahn der Zeit – oder umgekehrt – denn Smart Cities sind bei Stadtplanern, Architekten, Politikern rund um den Globus ein großes Thema. Soll heißen: die Stadt soll vollkommen smart, effizient, Energie- und Ressourcenschonend sein. Autos sind hingegen – im Gegensatz zu Le Corbusiers Utopie – out. Dafür sprießen auch in so manchen Smart Cities Hochhäuser an jeder Ecke aus dem Boden, wie man hier in Songdo (Südkorea) sehen kann. Das kann wiederum als kleine Parallele zu „Plan Voisin“ und „Ville Contempoirane“ des Schweizer Architekten gewertet werden. Den Weg zu mehr städtischer Effizienz soll jedenfalls das Internet of Things (IoT) ebnen. Ampeln und Lichtmasten werden beispielsweise mit Sensoren im Boden vernetzt, der Verkehr kann somit besser und umweltschonender geregelt werden.

Mit Forbes unterhielt sich Ratti über die Stadt als Open Air Computer, das Auto als Statussymbol und das Potenzial frei werdender Stadtflächen.

Was verstehen Sie unter einer „intelligenten“ Stadt?
„Ich bevorzuge mehr den Begriff ‚senseable‘ als ‚intelligent‘ oder ‚smart‘. Dieser konzentriert sich auf die menschliche Seite – im Gegensatz zur technologischen. Aber wie auch immer man es nennt: die Senseable City ist die Manifestation eines breiten technologischen Trends. Das Internet of Things (IoT) erlaubt uns, mit unserer Umgebung in neuer Form zu interagieren.

Sie bezeichnen Städte als „Open Air Computer“: Ist dieser Ansatz der Schlüssel zur Lösung der heutigen städtischen Herausforderungen – im Bereich der Mobilität, Infrastruktur, Abfall- und Energiemanagement, Umwelt?
Dies kann man leicht mittels einer Analogie erklären. Was derzeit im urbanen Bereich passiert, ähnelt den Entwicklungen in der Formel 1 vor zwei Jahrzehnten. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde der Erfolg auf der Rennstrecke vor allem der Mechanik des Autos und den Fähigkeiten des Fahrers zugeschrieben. Dann aber blühte die Telemetrie-Technologie auf (Übertragung von Messwerten eines am Messort befindlichen Sensors zu einer räumlich getrennten Stelle, Anm.). Das Auto wurde in einen Computer verwandelt, in Echtzeit von tausenden Sensoren überwacht und damit „intelligent“. Es war von da an besser möglich, auf die Konditionen während der Fahrt zu reagieren.

In ähnlicher Weise haben Technologien im letzten Jahrzehnt begonnen, unsere Städte einzunehmen. Sie wurden zum Rückgrat einer großen, intelligenten Infrastruktur. Deren Säulen sind Glasfaser-Breitbandanbindungen und drahtlose Telekommunikationsnetze, weit verbreitete Sensoren und offen zugängliche Daten. Zu Ihrer Frage zurück: Ja, dies kann viele Dimensionen des städtischen Lebens beeinflussen. Die Anwendungsbereiche sind vielfältig: von Energie bis Abfallmanagement, über Mobilität und Wasserverteilung, hin zu Stadtplanung und Bürgerbeteiligung.

Verliert sich der Mensch – dieser wird im Rahmen der Smart City-Debatten immer besonders hervorgehoben – nicht innerhalb dieser riesigen Datenmengen?
Als zu Beginn der 1990er-Jahre das Internet boomte, befürchteten die Menschen dasselbe: Wie kann ich mit all diesen Daten umgehen? Dann aber kam Google und half uns, alle Online-Informationen zu verstehen. Was wir daher rasch brauchen, ist ein „Google“ für das Internet of Things (IoT).

Sie haben in einem Interview gesagt, dass sich die Architektur von Städten in Zukunft nicht stark verändern wird. Wie sieht es aber aus, wenn der Autoverkehr tatsächlich Schritt für Schritt reduziert wird, wie es viele Großstädte derzeit planen? Es würde Parkplätze wegfallen, mehr öffentliche Plätze genutzt werden können…
Ein Teil der städtischen Infrastruktur wird sich sehr wohl ändern, wie zum Beispiel das Parken. Heute stehen unsere Autos durchschnittlich 95 Prozent der Zeit am Parkplatz herum. Infolgedessen ist die Parkinfrastruktur derart durchdringend, dass es für jedes Auto in den USA ungefähr drei Plätze braucht, an denen es keine Wohnsitze gibt. Diese belaufen sich auf 5.000 Quadratmeilen (12.949 Quadratkilometer, Anm.), eine Fläche größer als Puerto Rico. Autonome Autos könnten dennoch genutzt werden und würden wahrscheinlich weniger Parkfläche benötigen. Die möglichen Konsequenzen? Im Lauf der Zeit könnten große städtische Flächen, die derzeit mit Parkplätzen verbaut sind, für ein ganz neues Spektrum sozialer Funktionen zurückgewonnen werden. Bereits heute werden kreative Lösungen auf der ganzen Welt umgesetzt. Nämlich am sogenannten „Parking Day“, einem globalen Event jeden dritten Freitag im September, bei dem Künstler, Designer und Bürger Parkplätze temporär in öffentliche Plätze verwandeln. Eine derartige dynamische Umsetzung könnte zukünftig in viel größerem Umfang und mit dauerhaften Lösungen stattfinden. Das würde zu einer großen Rückgewinnung des städtischen Lebensraums führen.

Wie könnte das konkret aussehen?
Freiwerdende Parkflächen könnten durch Grünflächen und einer Vielzahl von öffentlich geteilten sowie „maker space“-Einrichtungen ersetzt werden, die Arbeitswerkzeuge wie 3D-Drucker und CNC-Maschinen (Werkzeugmaschinen, die Werkstücke sehr präzise und automatisiert herstellen, Anm.) für Design und Produktion bereitstellen. Die Nutzungsmöglichkeiten für den frei werdenden Raum sind nahezu unbegrenzt. Die Kosten könnten von der Gemeinde oder von privaten Investoren gedeckt werden. Ähnliches gilt für Garagen. Heutige Designer, die diese entwerfen, sollten es als eine Herausforderung sehen, Flexibilität und mögliche Strukturformen miteinzubeziehen. Bei der Carlo Ratti Associati machen wir dies mit einem Parkhaus in Singapur. Dieses wurde von Anfang an als konvertierbare Struktur konzipiert (mit einer höheren Distanz zwischen den Stockwerken und horizontaler anstatt schräger Stockwerke).

Seit den 1940er-Jahren ist das Auto weltweit ein Statussymbol. Was wird es in Zukunft sein, der effiziente Umgang mit Daten?
Der schwedische Soziologe Thorstein Veblen fand vor 100 Jahren heraus, dass Familien teure Autos kauften, um sich vor allem mit ihnen – als Statussymbol – zu präsentieren. In der Zukunft und mit Technologien wie dem Internet und Social Media gibt es hingegen einen Paradigmenwechsel. Das Teilen ist dort der Schlüssel.

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Editorial Team

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